Ich und mein Selfie.

Künstlerselbstporträts von Liebermann bis Immendorff

Werke aus der Lübecker Sammlung Leonie Freifrau von Rüxleben

Kunsthaus Apolda Avantgarde, 30. Sept. -16. Dez. 2018 

Raoul Hausmann, Blick in den Rasierspiegel, 1930/31 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Schon seit seiner Entstehung im späten 15. Jahrhundert gehört das Selbstporträt in der europäischen Kunst zu den wichtigsten Motiven, denen sich die Künstler immer wieder gewidmet haben. Es diente zur Repräsentation des Künstlers zu „Werbezwecken“, zur Betonung seines gesellschaftlichen Status, zur Auseinandersetzung des Künstlers mit sich selbst und häufig zur Inszenierung der eigenen Person und des eigenen Künstlertums. Berühmt für ihre begnadeten und obsessiven Selbstoffenbarungstendenzen sind nach Rembrandt und später Frida Kahlo Künstler wie etwa Lovis Corinth, Johannes Grützke und Rudolf Hausner. Bis heute dient das Selbstbildnis Künstlern dazu, das eigene Selbst zu erforschen, ihre gesellschaftliche Stellung zu unterstreichen oder temporäre innere Befindlichkeiten festzuhalten. Untrennbar mit der Zeit ihrer Entstehung verbunden, geben Künstlerselbstporträts oft intime Einblicke in die persönliche Biografie von Künstlern und ihre Lebensverhältnisse.

Ausdruck und Form der Künstlerselbstbildnisse haben sich im Laufe der Geschichte stetig verändert und ihrer Zeit angepasst. Doch die Darstellungskategorien der „alten Meister“ haben bis in unsere Gegenwart überlebt: Der Künstler im Spiegel, der Künstler im Atelier, mit Modell oder mit der Familie, der Künstler im Angesicht des Todes oder der Künstler als lebensfroher Genussmensch. Viele Maler und Bildhauer entpuppten sich zu allen Zeiten als Meister der Selbstbetrachtung und zeigten ein unaufhörliches Interesse an der Darstellung des eigenen Selbst. Die moderne Technik mit Smartphone und Social Media-Plattformen hat das Selbst-Bild zu einem wahren Massenphänomen gemacht: Überall auf der Welt schießen Menschen so genannte „Selfies“, Fotos, die sie an bestimmten Orten, in bestimmten Situationen oder zum Zweck der Mitteilung des eigenen Ich von sich selbst machen und dann an Freunde verschicken oder im Internet veröffentlichen.

Diese Lust am Rollenspiel ist häufig mit dem Künstlerselbstporträt verglichen worden. Beide geben sich als Spiegel jener Gesellschaft zu erkennen, in der sie entstanden sind, und setzen das eigene Selbst in Szene. Allerdings folgt das Selfie meist einem spontanen Impuls, während das Künstlerselbstbildnis eine längere Produktions- und Reflexionsphase voraussetzt. Doch auch das Selfie wird von immer mehr zeitgenössischen Künstlern als Kunstform eingesetzt, um damit eine bestimmte Wirkung zu erzielen.

Mit der Entstehung des Selbstporträts als eigenständiges Genre in der Renaissance wurden auch viele Kunstsammler auf diese Form der Selbstdarstellung aufmerksam. Ausschlaggebend für die Autonomie des Selbstporträts war etwa der Florentiner Giorgio Vasari (1511-1574), der als Chronist der italienischen Renaissance-Künstler mit dem Sammeln von Künstlerselbstbildnissen begann und damit den Künstler als kreatives Individuum etablierte, das mehr als nur ein Handwerker war. So bildeten sich schon früh erste Sammlungen und ein besonderer Typus des Kunstsammlers heraus, den es nach intimen Einblicken in das Leben der Künstler verlangte. Nicht zuletzt die Weiterentwicklung der Druckgrafik ermöglichte es Sammlern, sich große Werkkonvolute mit erschwinglichem finanziellem Aufwand anzulegen.

Die Getreidemaklerin Leonie Freifrau von Rüxleben (1920-2005) steht somit mit ihrer Sammelleidenschaft in einer langen Tradition. Sie konzentrierte sich dabei hauptsächlich auf Künstler des 20. Jahrhunderts, zu denen sie in vielen Fällen in persönlichem Kontakt stand. Andere Werke, etwa die der klassischen Moderne wie von Corinth, Liebermann und Christian Schad erstand sie auf Auktionen. So entstand eine umfangreiche Sammlung von Zeichnungen, Grafiken, Fotografien und Plakaten von 1400 internationalen Künstlern, von denen das Kunsthaus Apolda 110 exemplarische Werke aus den Jahren 1890 bis 2002 zeigt, die erstmals einen repräsentativen Querschnitt der Sammlung offenbaren. Gerade das 20. Jahrhundert erweist sich als besonders spannend, war es doch von fundamentalen Umwälzungen in der Gesellschaft, der Kunststile und der Haltung des Künstlers zur Kunst und zu sich selbst geprägt.

Die über Jahrzehnte stetig gewachsene Künstlerselbstbildnis-Sammlung der Freifrau von Rüxleben dokumentiert diese Veränderungen auf einzigartige und fundamentale Weise. Deutlich werden vor allem die stilistischen Entwicklungen aber auch die ungewöhnlichen Abwandlungen und Varianten der traditionellen Ikonografie. Neben der Nachkriegs- und Gegenwartskunst, die die Sammlerin ab den 1970er Jahren zu ihrem Sammlungsschwerpunkt machte, beinhaltet die Sammlung Positionen der beginnenden Plein-Air-Malerei, des deutschen Impressionismus, des Expressionismus, der Neuen Sachlichkeit, des Surrealismus, der Fotografie und der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in beiden Teilen Deutschlands: Neben westdeutschen Künstlern finden sich auch namhafte DDR-Künstler wieder. Wichtig waren der Sammlerin von Anfang an auch explizit weibliche Selbstdarstellungen, die innerhalb der Kunstgeschichte eine eigenständige Entwicklung durchmachten.

Die Liste der Künstler, deren Werke in der Ausstellung zu sehen sind, liest sich dabei wie ein „Who Is Who“ der jüngeren deutschen und internationalen Kunstgeschichte: Max Liebermann, Marie Laurencin, Renée Sintenis, Otto Dix, George Grosz, Max Pechstein, Max Beckmann, Käthe Kollwitz, René Magritte, Salvador Dali, Bernhard Heisig, Werner Tübke, Rudolf Hausner, Ernst Fuchs, Dieter Roth, Günter Uecker, Harald Metzkes, Paul Wunderlich, Horst Janssen, Günter Grass, Johannes Grützke, Jörg Immendorff und Elvira Bach, aber auch Ausnahmeerscheinungen wie Armin Mueller-Stahl, Amanda Lear und Udo Lindenberg. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog mit 160 Seiten und wissenschaftlich fundierten Texten und Abbildungen aller ausgestellten Werke.

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